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- (irossgrundeigentum

soziale Frage. Ä

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Versuch einer neuen Grundlegung der Gesellschaftswissenschaft

von

Dr. Franz Oppenheimer.

Zweite, unveränderte Auflage

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Jena Verlag von Gustav: Fischer 1922

Alle Rechte. besonders das der Übersetzung vorbehalten.

THE LIBRARY BRIGHAM YOUNG UNIVERSITY PROVO, UTAH

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Vorwort zur zweiten. Auflage.

Dieses alte Buch ist seit mehreren Jahren vergriffen, wird aber noch immer verlangt. Ich bringe es unverändert in einem anastatischen Neudruck heraus. Die Dinge liegen hier gerade so wie bei meinem Erstlingswerke, der „Siedlungsgenossenschaft“, die soeben in dritter _ Auflage, ebenfalls völlig unverändert, erschienen ist. Beide Bücher sind. in dem Sinne veraltet, daß sie in ihrem Material nicht & jour, und daß . sie durch meine eigenen Untersuchungen vielfach überholt sind. Wenn ich sie mit meinen heutigen Kenntnissen neu zu schreiben hätte, so würden sie in mancher, und nicht nur unbedeutenden Einzelheit anders ausfallen. |

Dennoch habe ich mich auch hier entschlossen, von einer Neu- bearbeitung abzusehen. Sie erscheint mir als unnötig, weil das Buch, so viel ich sehen kann, nur von den zu meiner Freude immer zahl- reicher werdenden Freunden meiner Gedanken in aller Welt verlangt . wird, die sich in den Besitz aller meiner Schriften zu setzen suchen, die meisten in der Absicht, den Werdegang meiner Auffassung von der Gesellschaft und ihrer Zukunft genau kennen zu lernen. Gerade diesen Lesern aber wäre mit starken Änderungen am wenigsten gedient gewesen.

Vor allem aber war bei dem eigentümlichen Charakter des Buches ‘eine Neubearbeitung unmöglich. Es besteht aus zwei miteinander korrespondierenden Teilen, einem theoretischen und einem wirtschafts- geschichtlichen. Der erste ist durch meine jetzt in vierter Auflage vor- liegende „Theorie der reinen und politischen Ökonomie“ vollkommen überholt. Er hat heute keinen anderen Wert mehr als den der ersten Skizze meiner Theorie, als der erste Versuch, mit den Mitteln der klassischen Doktrin, aber unter Ablehnung ihres Axioms, des „Gesetzes der ursprünglichen Akkumulation“, die gesamte Ökonomik zu deduzieren. Er hat seine Aufgabe erfüllt, hat geholfen, den Despotismus der historischen Schule zu brechen, die zur Zeit der Abfassung des Buches Deutschland noch völlig beherrschte und heute zwar noch existiert, aber nur als ein Zweig der Historik, nicht aber mehr, wie sie damals prätendierte,

IV Vorwort,

als die, als die einzig mögliche, als die einzig seligmachende National- ökonomie.

Unter diesen Umständen lag der Gedanke nahe, nur den zweiten, wirtschaftsgeschichtlichen Teil allein zum Neudruck zu bringen. Aber das wäre untunlich gewesen, weil er nicht verständlich ist, wenn der Leser die Terminologie nicht besitzt, die der erste Teil entwickelt. Und so blieb mir auch von diesen Erwägungen aus nur das Mittel des unveränderten Abdrucks übrig, wenn ich das Buch nicht gänzlich auf- geben sollte, und dazu sah und sehe ich keine Veranlassung. Ich halte es noch heute für brauchbar und in mancher Beziehung für grund- legend. Es enthält geschichtliche Beweise für meine theoretische Auf- fassung der ökonomischen Zusammenhänge uns darüber hinaus, was mir weit mehr am Herzen liegt, die wichtigsten Grundlagen meiner Soziologie. | er

So mag es denn im alten Gewande zum zweiten Male hinaus- gehen, um sich zu den alten Freunden neue zu suchen. Es wird ihm dieses Mal etwas leichter werden als vor vierundzwanzig Jahren. Da- mals war ich ein unbekannter junger Arzt, der den Mut (oder die Keckheit) besa3, seinen ganz eigenen Weg zw gehen, einen Weg, der mitten zwischen den Doktrinen der bürgerlichen und der sozialistischen Schriftsteller hindurch führte: natürlich wurde ich von Jenen als Sozialist, von Diesen als bürgerlicher Utopist oder, von gröberen Seelen, sogar als bürgerlicher Sykophant betrachtet und mein Buch auf den Index gesetzt. Heute habe ich mir eine gewisse Anerkennung als Fachmann erworben; meine späteren Bücher haben ihren älteren, zuerst ver- worfenen Geschwistern den Weg gebahnt; und, wenn auch die alte Taktik des „Totschweigens“ noch immer gegen mich geübt wird, so glaubt wohl nur noch selten ein Neophyt aus einem der beiden sonst so feindlichen, in diesem Betracht aber brüderlich einigen Lagern, da3 „Schweigen“ diese Gedanken „töten“ kann.

Keinem meiner Bücher gegenüber ist diese edle Taktik so ge- schlossen geübt worden, wie diesem. So viel ich weiß, ist in Fach- organen nur eine einzige Anzeige des theoretischen, und keine einzige des wirtschaftsgeschichtlichen Teiles erschienen. Und mir ist nur ein einziger Autor bekannt, der es jemals zitiert hat: Werner Sombart in der ersten Auflage seines „modernen Kapitalismus“, freilich nur in einer Anmerkung, in der er es ohne jede weitere Begründung als un- befriedigend verwirft. Und doch hätten die Wirtschaftshistoriker alle Ursache gehabt, sich mit diesem Buche zu beschäftigen, in dem ich

Vorwort. V

den Nachweis versucht habe, daß sie den Hauptwendepunkt ihres Hauptarbeitsgebiets, der mittelalterlichen Gewerbe- geschichte, um volle 180 Jahre zu spät angesetzt haben, weil sie weder von den politischen noch von den ökono- mischen Ursachen des Umschwungs eine richtige Vor- stellung hatten!

Unter diesen Umständen halte ich es für geboten, meinen Lesern von einer privaten Kritik Kenntnis zu geben, die von keinem Geringeren als Karl Lamprecht herrührt. Man mag über seine Bedeutung als Universalhistoriker denken wie man will: daß er ein Wirtschafts- historiker hohen Ranges war, wird so leicht nicht bestritten werden!).

L.-Gobhlis, 7. Juni 1898. „Hochgeehrter Herr Doktor!

Ich komme erst heute, nach der Lektüre der zweiten Hälfte Ihres „Großgrundeigentum“ dazu, Ihnen für Ihr reiches Geschenk von Herzen zu danken. Ich brauche Ihnen nicht erst zu ver- sichern, daß ich Ihren Ausführungen mit dem lebhaftesten Inter- esse gefolgt bin.

Was uns beide verbindet, das ist die gemeinsame Grundauffassung auf geschichtlichem Gebiete. Wie Ihnen bekannt sein wird, bin ich, wie Sie, ein Vertreter heroenloser Geschichtsauffassung. Viel- leicht haben Sie auch von den Kämpfen, in die mich diese Auf- fassung mit der Zunft geführt hat, einige Kenntnis; jedenfalls gestatten Sie mir, Ihnen anbei einige in diese Kämpfe ein- schlagende Broschüren als ein freilich geringes Gegengeschenk zu überreichen.

Was uns trennt, ist die Tatsache, daß ich den geistigen Be- wegungen doch eine größere selbständigere Bedeutung beilege als Sie. Sie scheinen mir keineswegs alle auf Superstition reduzier- bar. Jedenfalls scheint mir nicht die reine soziale Bewegung als solche, sondern vielmehr die massenpsychologische Bewegung als Ganzes Substrat, „Stoff“ der Geschichte zu sein: mithin auch als Substrat jeder geschichtlichen Disposition dienen zu müssen. Wie in diesem Falle m. E. der geschichtliche Verlauf in typischer- nationaler Form zu disponieren ist, habe ich in meiner „Deutschen

“-Geschichte“ zu zeigen gesucht.

1) Das Original des Briefes befindet sich bei den Akten der Firma Gustav Fischer in Jena.

VI Vorwort.

Bei der Lektüre Ihres Buches habe ich vielfach bedauert, daß Ihnen gerade diese Arbeit von mir entgangen ist: Sie würden die zahlreichsten Anklänge an Ihre Auffassung gefunden haben. Ich erwähne nur, daß ich den großen Umschwung in unserer Wirtschaftsgeschichte mit Ihnen um etwa 1370 setze.

Für die Erklärung dieses Umschwungs habe ich ganz außer- ordentlich viel von Ihnen gelernt. Der von Ihnen hergestellte Zusammenhang zwischen ländlicher und städtischer Bewegung in dieser Zeit scheint mir evident. Nur scheint die Begründung nur auf die von Ihren Siedlungsgenossenschaften aus entwickelten nat.- ök. Kategorien zu einseitig. Ich. glaube, Sie sind hier doch zu stark nur von der Distribution ausgegangen und haben die Pro- duktion zu sehr vernachlässigt. Mir sind die einschlägigen Dinge, die ich wiederholt in der „Deutschen Geschichte“ ausgeführt habe, immer im folgenden Zusammenhang erschienen:

Drei Zeitalter immer intensiverer Naturaneignung und dem- gemäß Produktion: Okkupation, Ackerbau, Industrie.

In jedem Zeitalter anfangs eine Periode kommunistischer bezw. sozialistischer, kurz, genossenschaftlicher Aneignung der Natur- kräfte (Ihre ‚xäufer-Verkäuferzeit), da eine andere Aneignung aus individueller Kraft nicht möglich: bis zur vollen Einnahme des Vorhandenen. Darauf eine Periode individualistischer Distribution. (Ihre Verkäuferzeit.) |

Doch ich sehe, daß ein Briefbogen in keiner Weise reicht, um Ihnen Bedenken und Bewunderung gleich klar und umfangreich zum Ausdruck zu bringen. Nehmen Sie daher für die reiche Be- lehrung nur noch einmal meinen herzlichsten Dank: er wird praktisch werden, indem ich schon für ein Winterkolleg eine große Anzahl Ihrer Ideen annehmen und vortragen werde.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebener

Lamprecht.“

Mancher meiner Leser wird meinen, es sei. eine Merkwürdigkeit, daß ein von einem Sachkenner ersten Ranges derart beurteiltes Buch in vollen vierundzwanzig Jahren nicht eine einzige Kritik und kaum eine Erwähnung gefunden hat. Auch ich stand einmal auf diesem optimistischen Standpunkt, habe mich aber in dieser langen Zeit davon

Vorwort. vu

überzeugen müssen, daß es umgekehrt eine Merkwürdigkeit gewesen wäre, wenn ein solches Buch, geschrieben von einem krassen Außen- seiter, der keiner Partei und keiner literarischen Clique zugeschworen war wenn ein Buch mit so unparierbaren Angriffen gegen die mächtigste Schule der Zeit Beachtung gefunden hätte. „Vorsicht ist der Tapferkeit besserer Teil“; und „Sei im Besitze, und du wohnst im Recht“. Und schließlich, mit Goethe: „Hand wird nur von Hand ge- waschen, wenn du nehmen willst, so gib!“

Hier möchte ich nur noch sagen dürfen, daß ich mich in nie von meiner damaligen in der Tat stark einseitigen Geschichtsauffassung _ entfernt und der Lamprechtschen etwas genähert habe. Darüber werde ich in meinem „System der Soziologie“, dessen erster Halbband im Druck ist, Rechenschaft ablegen. Der erste Band, eine „Allgemeine Soziologie“, wird u. a. eine kritische Ablehnung meiner eigenen früheren, der Marxschen verwandten, allzu „ökonomistischen“ Geschichtsauffassung ' enthalten; der zweite wird eine Soziologie des Staates, der dritte, in Gestalt der völlig neubearbeiteten „Theorie der reinen und politischen Ökonomie“, die der Volkswirtschaft bringen. Diese Teile des Systems sind praktisch fertig und werden hoffentlich in schnellster Folge er- scheinen. Dann soll, wenn Leben und Kraft noch ausreichen, ein vierter Teil folgen, ein Abriß der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas von der Völkerwanderung bis auf die Gegenwart. Hier werde ich ver- suchen, zu ergründen, ob die gleichen „Gesetze“ der Geschichte, die ich im kleineren Rahmen einer nationalen Gesellschaft nachgewiesen zu haben glaube, auch im größeren Rahmen der kontinentalen Gesellschaft ihre Giltigkeit bewahren; und, wenn das der Fall ist, ob sie bedeuten- den Modifikationen unterliegen oder nicht. Soweit das bis jetzt ge- sammelte Material einen Schluß gestattet, glaube ich nicht, zu Wider-: rufen im großen gezwungen zu werden.

Meine Überzeugung, daß die Sperrung des Bodens gegen die Volksmasse in der Rechtsform des großen Grundeigentums die einzige Ursache der Klassenscheidung mit allen ihren Folgen auf den Gebieten der Volkswirtschaft, der Politik, der Moral usw. ist, ist durch alle Studien dieses Vierteljahrhunderts nur bestärkt und bestätigt worden. Und ebenso meine Überzeugung, daß nur von diesem Gesichtspunkte aus sich uns die Rätsel der Geschichte aufhellen, daß nur von hier aus Geschichte als Wissenschaft aufgebaut werden kann.

Frankfurt a.M.

April 1922. Franz. Oppenheimer.

Vorwort zur ersten Auflage.

Das Werk, das ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, zerfällt in zwei Teile, einen systematischen und einen wirt- schaftsgeschichtlichen.

Der systematische Teil erbringt zunächst (I. Kap.) auf breiterer Grundlage den Beweis für meine schon früher aufgestellte und mir bestrittene These, dass das agrarische Grossgrundeigentum ein fremdes Gebilde im Körper der ent- wickelten Tauschwirtschaft ist. Es folgt dann in zwei Kapiteln eine rein logische Deduktion, die zum ersten Male angestellt ist. Da es sich hier um ein volles, in sich geschlossenes System handelt, sozusagen, um ein mathematisches Exempel, das, Ziffer für Ziffer, nachgerechnet zu werden verlangt; und da es einer derartigen Rechnung gegenüber nur zwei Möglichkeiten der Stellungnahme giebt, nämlich Acceptieren oder Widerlegen!: so muss ich meine zukünftigen Herren Kritiker schon bitten, diese zwei Kapitel Wort für Wort zu prüfen. |

Das auf diese Weise gewonnene System, wie es die gesamte soziale Lage der Gegenwart ohne Rest erklärt, wird dann im historischen Teil als ordnendes Prinzip angewendet und bewährt sich, wie ich glaube, auch hier :oll- kommen.

Ich erkläre offen, dass ich mich mit der wirtschafts- geschichtlichen Darstellung auf ein Gebiet begeben habe, auf dem ich keine eigenen Einzeluntersuchungen als Legi- timation anführen kann. Ich erhebe auch durchaus keinen

Vorwort. IX

Anspruch auf die Palmen des Historikers: nur als national- ökonomischer und soziologischer Theoretiker habe ich dies Gebiet betreten, nur, um eine neue paradoxe Theorie zu stützen und gleichzeitig zu illustrieren: und darum bitte ich, mich auch in diesem Teile nur als Theoretiker zu werten.. Das soll sagen, dass man von mir nicht jene absolute Zu- verlässigkeit in jedem Detail verlangen wird, die von dem Historiker mit Recht erwartet wird. Denn wenn ich auch tief in die Einzelheiten gegangen bin, um dem geschichtlichen Bilde ein möglichst farbiges Leben zu verleihen,. so ist doch ° für meine Beweisführung das gesamte Beiwerk gänzlich ohne Bedeutung. Nur die Hauptlinien, nämlich Einteilung und Charakterisierung der von mir beschriebenen Wirtschaftsperioden sind für die systematische Auffassung von Wichtigkeit; und über diese Hauptlinien besteht eine absolute Übereinstimmung aller berufenen: Forscher. Ich habe nichts fortgenommen und nichts hinzugefügt: neu ist nur die von mir gegebene nationalökonomische Erklärung. | Ich bin im: Vorhinein davon überzeugt, dass Spezial- forscher auf dem Gebiete der Wirtschaftsgeschichte mir in Einzelheiten hier und da die Benutzung unzuverlässiger Quellen, ja. sogar grobe Missverständnisse und Fehler nach- weisen werden. Ich bitte selbstverständlich darum, derartiges anzumerken, darf aber wiederholen, dass im Hinblick auf den Zweck des Ganzen derartige Missgriffe nur die Bedeutung von Druckfehlern haben. Sie liegen innerhalb der hier er- laubten ‚Fehlergrenze‘.

Wer nicht von vornherein der Ansicht ist, dass Arbeiten überflüssig sind, die ein ganzes Hauptgebiet menschlichen Wissens zusammenfassen, der muss auf die Genauigkeit der exakten Kleinarbeit ebenso verzichten, wie auf die vollständige Benutzung der vorliegenden Litteratur. Keine menschliche Arbeitskraft könnte derartigen Forderungen gerecht werden. Man wird mir also auch keinen Vorwurf daraus machen

x Vorwort.

dürfen, dass meine Litteraturkenntnis keine sehr breite ist. Dass die Haup tergebnisse dieser Untersuchung neu und mir eigentümlich sind, wird mir niemand bestreiten wollen; wo Anschauungen, die ich hier über Einzelfragen entwickle, schon vor mir ausgesprochen worden sind, bin ich ebenso loyal bereit, jeden Prioritätsanspruch anzuer- kennen, wie ich jede mir bekannt gewordene Ansicht loyal zitiert habe.

Möge dies Buch zur Lösung der schweren Rätsel dieser Zeit sein Scherflein beitragen! |

Grunewald bei Berlin, Beymestrasse 7.

Dr. Franz Oppenheimer.

| Inhalts-Übersicht.

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Systematischer Teil: Grundlegung der Physiologie und Pathologie

EEE des sozialen Körpers der Tauschwirtachaft, ee; 1 Einleitung DR NER ne ER RD NEE TEN 3 4. Kapitel. Die Entstehung des usiscatms. De RE 10 2. Kapitel. Grundlegung der Eiresigsie des sozialen Kuren der Tauschwirtschaft.. . .....:.. Er NEED TR, BRUT > 4. Die „ideale“ Naturalwirtschaft . ... ... a a 47 2: Entwieklungsgeschichte des sozialen Körpers EN ED 3 Physiologie desssozislen Körpers. ... 2m. re 3. Kapitel. G@rundlegung der Pathologie des sozialen Körpers. der MAUSCHWÄTTSCHaft 0 95 Schlusswort. Der soziale Staat und der Malthusianismus. . :.. . . 191 Historischer Teil: Abriss einer systematischen Wirtschafts- geschichte Deutschlands... . .. . 2... .2 2 2 2 22. 2. Einleitung: Das 6esetz der geschichtlichen Bem-suar. EUR UNE 219 1. Kapitel. Die Entstehung des Grossgrundeigentums. : . . . . . . ... 230 2. Kapıtel.. Physiologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft. ‚4. Die Naturalwirtschaft unter Nomadenrecht . ...... SE RRERLCH 2 Entwicklungsgeschichte des Tanschrechts .und der Teuschwirtschaft., 294 3. Physiologie der Tauschwirtschaft. . :.. .. len... 322 \

3. Kapitel. Pathologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft. 39 4. Kapitel. Therapie der sozialen Krankheit. Die Siedlungs-&enossen- LTR an EN Dar EEE RE ARERRCENE 477

Schlusswort. Aphorismen zur Philosophie der Geschichte.

Inhaltsverzeichnis.

(Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen die Seite.)

Systematischer Teil.

Grundlegung der Physiologie und Pathologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft.

Einleitung.

Die „organisistische* Hypothese (3). Die menschliche Gesellschaft kein In- dividuum, sondern ein Kollektivorganismus (5). Die soziale Krankheit (7). Das Ergebnis einer früheren induktiven. Dazu die causa morbi ist das Grossgrundeigentum (Bd).

Erstes Kapitel. Die Entstehung des Grossgrundeigentums. (10).

' Die herrschende Ansicht über die erste Klassenbildung (14). Bodenwert im primitiven Ackerbaustaat (16). Das. natürliche Mass der Hufe (17). Unmöglichkeit der Entstehung von Grossgrundeigentum;aus rein ökonomischen Ursachen (18). Trotz- dem ist es vorhanden (20). Die Klassengliederung der Nomaden: Adel, Freie, Sklaven (22). Das Gesetz des Reichtums (26). Patriarchat (29). Nomadenrecht (32). Die Entstehung des Grossgrundeigens aus dem Nomadenrecht (37). Die Ausbildung der Grundaristokratie (41).

Zweites Kapitel. Grundlegung der Physiologie des sozialen Organismus der Tausch- wirtschaft (Die reine Wirtschaft) (43).

„Nomadenrecht“ und „Tauschrecht“ (44). Die geschichtlichen Wirtschafts- formen sind Mischformen. Daher Notwendigkeit der rein logischen Deduktion = Methode (45). Das Grundgesetz der „Naturlehre“ (46).

1. Die „ideale* Naturalwirtschaft (47). | Verfassung (48). Verteilung der Bevölkerung (50). PT Gesetz (51). Gleich- heit sämtlicher Einkommen (52). 2. Entwicklungsgeschichte des sozialen Körpers (92).

Lokale (52) und nationale Arbeitsteilung (Bergbau, Fischerei, Handel) (53). Primäre und sekundäre „Minima“ (Orte geringeren wirtschaftlichen Druckes) (55) Die Kaufkraft des Marktes (Formel) (55). Gleichheit sämtlicher Einkommen bei stetig steigendem Niveau (56).

Inhaltsverzeichnis. XIII

3. Physiologie des sozialen Körpers (57).

Verteilung der Bevölkerung auf die Berufe bei wachsenden Völkern (57). 1.Statik bei stabil gedachter Bevölkerung. v. Thünens isolierter Staat (58), Die Stellung der Industrie im System als sekundärer Trieb der Urproduktion (59). Die Stadt (60) und der „natürliche Getreidepreis* im. isolierten Staat (61), Das „Gesetz der Bodenkapazität“ (62). Der „Lohn“ ländlicher Lohnarbeiter gleich ihrem Arbeitsertrage (65). Die Thünenschen Zonen (66). Erster Beweis für die „Harmonie der Interessen“ (67). 2. Dynamik bei wachsender Bevölkerung. Die Kurve der Kornpreissteigerung (67). Abwanderung in die Stadt (68). Komfort. breite (70), Auswanderung (71). Die Gleichheit sämtlicher Einkommen bei stetig wachsender Komfortbreite (72). Das relative Wachstum der Stadtbevölkerung (75) Die „sekundären Städte“ (76). Die interurbane Arbeitsteilung (78). Der Unter- nehmer im isolierten Staat (80). Lohn stets gleich Arbeitsertrag, d. h. produktiv- genossenschaftlich (81), „Unternehmergewinn“= Lohn qualifizierter Arbeit. Risikoprämie (83). Krisen unmöglich, da stets volles Gleichgewicht der Produktion und Konsumtion vorhanden (84). Kapitalzins (85). Ausblick auf eine mögliche gesellschaftliche Kapitalbildung (86). Bodenwert kann im isolierten Staat nicht existieren (87), Auch von städtischem Wohnboden nicht (89). . Daher Un- _ möglichkeit der Entstehung von „römischem“ Bodeneigentum (91). Ergebnis der reinen Deduktion aus Tauschrecht: Harmonie der Interessen, d.h. Gleichheit aller Einkommen für gleiche wirtschaftliche Leistung bei fortwährend wachsender „Komfortbreite“ (93). Ergebnis stimmt nicht mit der Wirklichkeit. Ursache aller bisherigen Irrtümer: Verkennung der Natur des Grossgrundeigentums.

Drittes Kapitel.

_ Grundlegung der Pathologie des sozialen Organismus der Tauschwirtschaft. (Die kapitalistische Wirtschaft) (95).

Das „Gesetz der Verteilung“ (95)._ Das „Gesetz der Erzeugung“ (96). Ein- führung nomadenrechtlicher Störungen in die „reine Deduktion“ (97).

Die Theorie deseinseitigen Druckes (97).

Der gleichseitige Druck (98). Der einseitige konstante Druck (99). Der eiu- seitige wachsende Druck in einer an Zahl stabil gedachten Gesellschaft (101). Der Tod des Wirtschaftskörpers (102). Der einseitige wachsende Druck bei zunehmender Volkszahl (103). Das agrarische Grossgrundeigentum die Ursäche eines solchen Druckes (103). „Zuwachsrente“ (105). Pathologische Aus- und Abwanderung (106). Die v. Thünensche „Landrente“ (107). „Zuwachsbevölkerung“ (108). Die Frage des Luxus (108). Ist für die Produzenten ohne jeden Vorteil (109). Der Um- schwung zur Luxusproduktion (111). Der „psychologische Faktor“ (112). Das adlige Grossgrundeigentum (113). Bodenwert und rein ökonomische Besitzverschiebung, Hypothekarverschuldung und Spekulationsrate (114). Gross- - grundeigentum und Bauernbezirk (115). Stauung (116). Bodenwert und rein ökonomische Besitzverschiebung (117). Grossbauer und Büdner (118). . Relative Zahl der Aus- und Abwanderung vom Lau ernennt bezw. dem Bäuern- bezirk (119, Das Gesetz der Wanderung (123). | Die Industrie. Der städtische Grundbesitz erhält „Wert“ (125). Städtische

Bi Zuwachsrente (126) identisch mit der Landrente (127). Rein ökonomische Besitz-

verschiebung, een und na (130). Unternehmer,

XIV Inhaltsverzeichnis.

Unternehmergewinn und Arbeitslohn in der „reinen Gesellschaft“ (131) und in der „kranken Gesellschaft“ (133). Mehrwert (134). Der Ursprung des Unter- nehmers und des Kapitales (135). nAERDOL EUREN, (137). Die Unternehmer als- herrschende Klasse (137).

Die „entartete Konkurrenz“ (138). Käufer und Verkäufer (139). Der „Ver- käufer“ der reinen Wirtschaft gleich dem „Käufer“ der kapitalistischen (142). Stellung zu den übrigen Käufern resp. Verkäufern (145). Interessen-Harmonie aller Käufer und der „reinen Verkäufer“, Interessengegensatz der kapitalistischen Verkäufer (147). Folgen: „entartete Konkurrenz“ im Gegensatz zum „reinen Wettbewerb“ (149). Der. wirtsehaftliche Vernichtungskampf (150). Die Vernichtung der Mittelstände (151). Das monopolistische Bündnis (Trust, Syndikat) (153). Die Krisen. Die Über- produktion (154). Die Häufung der Krisen (155). Der Cyklus (156). Der Anteil der Cirkulation (157). Warengeld und Rechengeld (158). Kreditverkehr (159). Rechengeld schlägt in Warengeld um (160). Die Spekulation (162). Konjunktur, Produktenbörse, Effektenbörse und Börsenspiel (163). Die Industriearbeiter- schaft. Pauperismus, Kriminalismus, Prostitution, Standard of life (165), fünfter Stand (166). Revolutionen, Strikes. Gewerkvereine nutzlos’(167). Arbeiterfrage nur vom Lande her lösbar (168). |

Die Agrarkrisis (169). Das Sinken des „natürlichen Kornpreises“ durch. Frachtermässigung (170). Verschlimmerung durch Exportindustrialismus und Spekulation (172). Grossgrundeigentum unrettbar: Selbstheilung des Wirtschafts- körpers (174).

Deduktion stimmt völlig mit der Wirklichkeit. Also war die Voraussetzung richtig (177). Die „mechanistische“ und „individualistische“ Stellung der Smithschen Lehre (179). Soziale Krankheit eine Entwicklungskrankheit (182).

Die politischeOrganisation der pathologischen Gesellschaft (183). N elene stamm der erste Klassenstaat (184). Die Naturalbauerngesellschaft: streng aristo- kratische Verfassung (185). Handelsvölker. (186). Industrie- und Handelswirt- schaft: Liberalismus und Konservatismus, Konstitutionalismus (187). Äussere . Form (187). Handelspolitik ist Klassenpolitik (188).

Schlusswort:

Der soziale Staat und der Malthusianismus (191).

lst der „soziale Staat“ möglich? Frage der Massenpsychologie Alt-Liberalismus, Manchestertum, Staatssozialismus, Marxismus (191). Die Lösung der psychologischen Frage durch dieScheidung zwischen „Käufern“ und „Verkäufern“ und ihren Interessen. Der ,„s. St.“ möglich ia der „reinen Gesellschaft“ (194). Der Malthusianis- mus. Die ernste wissenschaftliche Theorie. - Bestimmung seines begrifflichen In- halts (196). Unvereinbar mit Geschichte (198) und Statistik (200). Ursache des Trugschlusses: „Gesetz der sinkenden Erträge‘ wird überkompensiert durch das „Gesetz der Bodenkapazität“ (202). Der „prophetische Malthusianismus“ (205). - Rechenfehler (206). Die Weltwirtschaft. Wachstum der Anbauflächen stärker als das der Volkszahl (207). Westeuropa ist „Stadt“ im Thünenschen Sinne (209). Der „prophetische Malthusianismus, der mit Zahlen jongliert“ (210). Das „Wachs- tum* (212). | N

-Inhaltsverzeichnis. XV

Historischer Teil. Abriss einer systematischen Wirtschaftsgeschichte Deutschlands (217).

EN Einleitung. Ä Das Gesetz der geschichtlichen Bewegung (219).

Die „heroistische Geschichtsauffassung“ (219). Begriff der „Ursache“ (222) und „Veranlassung“ (225). Die Völkerwanderungen (225). Materialistische Geschichts- mug (227).

Erstes Kapitel: Die Entstehung des Grossgrundeigentuns (230).

Germanen: Nomaden (230). Kannibalismus, Mutterrecht, Vaterrecht (231). Adel, Gemeinfreie, Liten, Sklaven (232). Verfassung und Politik (233). Wirt- schaft (234). Ausbildung der Grundaristokratie (235). Beschleunigt durch die Aufnahme des römischen Bodenrechts (236) und uer gallischen Latifundien (238). Rückwirkung der fränkischen Eroberung auf die Heimat (239) Die politische Rolle des Adels (239), sein Wesen (240). Gefolge (241). Zerfall der Zentralgewalt im Naturalstaat 243. Wachstum des adligen Besitzes durch Belehnung (244) und Rodung in den „Marken“ (245). Folge: Verfall der freien Markgenossenschaften (246). Klassenherrschaft des Adels (247). Die Sperrung des Bodens (249). Stauung der Bauerschaften, wirtschaftliche Differenzierung in Grossbauern und Büdner (249). Die ‚Wälder werden grundherrlich (250): Vernichtung der Vollfreiheit (251). Rom und Deutschland (262). Ursache des verschiedenen Ausgangs. Der Nationalcharakter (262). Das Christentum (263); Privatwirtschaftliche und staatliche Verwaltung (265). Der Wettlauf um den hörigen Bauern (266). Die Umwandlung der Grundherr- schaft (267) in das Territorialfürstentum (269). Der niedere Adel (270). Zerfall ‚der wirtschaftlichen Seite, Aufschwung der politischen Seite der Grundherrschaft (271). Aufstieg der Bauern (273). Glebae adscriptio (274). Erblichkeit (275). Hofrechts- genossenschaften, Hofrecht (277). Der Kurs steht für den Bauern (278). „Die Festlegung der Zinse (279): Grossgrundeigentum in die harmlose Grossgrund- herrschaft verwandelt (281): Folge „reine“ Wirtschaft.

Zweites Kapitel. Physiologie des sozialen Körpers der Tanschwirtschaft (283). 1. Die Naturalwirtschaft unter Nomadenrecht (283).

Der Embryo des Tauschrechtes ist der „Frieden“ (284). Feuertausch, Waren- tausch (285). Marktfrieden kulturbistorisch (286). Stadtrecht und Kaufmanns- recht Wurzeln des Menschenrechtes (287). Die deutsche Naturalwirtschaft zu Aus- gang der Karolingerzeit (288). Handel, Industrie (289). Die erweiterte Natural- wirtschaft der Fronhöfe (Industrie, Handel, Geldverkehr) (291). Städte: nur Kauf-, nicht Gewerbsstädte (293).

2. Entwicklungsgeschichte des ans ine like und der Tauschwirtschaft (294).

Auflösung der Naturalwirtschaft der Fronhöfe (295). Entwicklung der Ge- werbsstädte (297). Wochenmärkte (299). Städtegründungen, Stadtrecht (300). Die Beseitigung der Hörigkeit der Handwerker (302). Magisterium (303). Fra- ‚ternitas (304). Die Beseitigung der politischen Vorrechte der städtischen Geschlechter (305). Das Patriziat der alten Kaufstädte (305), derneugegründeten Städte (306), Markt- recht (307). Das niedere städtische Patriziat der alten Zünfte (309). Die patrizische

xXVI. 'Inhaltsverzeichnis.

Klassenherrschaft (310) und ihre Stützen (313). Die Revolution im Grundbesitz (316). Koalitionsverbot (318), Zunftkämpfe (319). Der Sieg des Tauschrechts (321). 3. Physiologie der Tauschwirtschaft (322).

. Die deutsche Wirtschaft von ca. 1000 bis ca. 1400 ist eine „reine Wirtschaft“. Die „historische Schule“ (323). Der Beweis aus der Zunftentwicklung (324). [Die, nomadenrechtlichen Störungen der reinen Wirtschaft (326): Die Münz- und Zoll- politik (327), das Leihemonopol der Judenschaft (328)]. Das Problem des „genossen- schaftlichen Geistes“ (330). Mangel „freier Arbeiter“ (332). Keine „wirtschaftliche Ausbeutung“ (334). Produktivgenossenschaftliche Ertragsteilung (335). Kein „Mehr- wert“, keine „Krisen“; der „reine Wettbewerb“ (336). Der genossenschaftliche Geist (338). Die Zunft und ihre Entstehung (340), Zunftzwang (341). Die ge- nossenschaftliche Zunftstadt (242). Bürgerzwang (343). Ausbürgerrecht (345). Inhalt des Bürgerrechtes (346). ya;

Die Verteilung des Volkseinkommens. Steigender‘ Wohlstand der Bauern und der Städter (349). Der Arbeitslohn (350). Soziale Gleichstellung beider. produktiven Stände (350). Der „wirtschaftliche Gradient“ sehr klein (352). Die „soziale Frage“ des 13. Jahrh. (353).

Die Verteilung der Bevölkerung. Geringe Volkszahl der Städte (354), starke Volksdichtigkeit des platten Landes (355). Städtische Bodenrente sehr gering, keine „Zuwachsrente* (356).

Das Wachstum der Organeder Volkswirtschaft:

Urproduktion (357). Zunahme der Intensität (359) Verkleinerung der Einheiten (360). Gewerbe. Zunahme der Arbeitsteilung (362), Berufsteilung (367). Handel. „Stadtwirtschaft“ (369). . Internationaler Handel (370). Der flandrisch-brabantische Zentralmarkt (370). Der Ostseehandel (371). Hansa (374). Handelswaren (375). Handelsstrassen (379). Interlokaler Handel (380). Geldwirtschaft (381). Entwicklung von der Naturalwirtschaft durch die Silberwährung (384) zur Goldwährung (385). in Kreditwirtschaft nicht entwickelt (386). Keine Produktiv- kredite. Die „Bankiers“. Hypothekarkredit (387). Judenkredite (388). Das Wesen des Zinses (388). | Drittes Kapitel. Pathologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft (391). Die volkswirtschaftliche Revolution (391). Datierung auf ca. 1370. Polemik gegen die „historische Schule“, die auf 1550 datiert. (392). Gründe - für meine Datierung (395). Die Erklärung der „historischen Schule“: Die organisistische Erklärung (396), die malthusianische Erklarung (397). Die Petitio . prineipii (398). Die richtige Erklärung (402). Die „befördernden Momente“ der „historischen Schule“ und ihre Widerlegung (405). Das mittelalterliche Getreideimportgebiet (410) und das Exportgebiet (411). Der ostelbische Getreidehandel (412).

Die Entstehung des ostelbischen Grossgutsbetriebes (414). Ur- sache seiner eigentümlichen Entwicklung (415). Die nemadenrechtliche Hörigkeit der slawischen Bauern (417) Slawenrecht und Deutschenrecht (419). Die Entwicklung in Polen (420). Die Ausbildung der geschlossenen Grossgüter (423). Sperrung des Landes (425). Der erste kapitalistische Betrieb (426).

Inhaltsverzeichnis. XVII

Der Niedergang der westdeutschen Bauerschaften (428). Die Not der herrschenden Klassen, Verfall des Rittertums (429). Das Wiedererwachen der „Zuwachsrente“ (430). Pachtverträge (431). Verfall des Hofrechts (432). Römisches Recht (433). Die „Zuwachsrente“ wird wieder manifest (434). Usur- pation des Gemeindelandes (435), Grossherdenhaltung und Weldusurpation der Grundherren (436). Stauung der Bauerschaft, ökonomische Differenzierung (437) Untergang neuer Dorfschaften (438). Steuerüberlastung (439). Sinken der Produktenpreise (440). Sozialer Sturz des Bauern (441).

Der Niedergang der Städte und Gewerbe. Äussere Schicksale. Änderung in der Richtung der Nachfrage und im Standort der Gewerbe (442). Luxusproduktion (443). Der einseitige wachsende Druck: Abwanderung (444), Wachstum der Grossstädte (445). Verfall der Kleins‘ädte (446), relative gewerb- liche Überproduktion und Exportindustrialismus (447), Der Ruin (448). Die Verwandlung des inneren Wesens: „Transformation“ der Städte (449) in kapitalistische Verkäufergenossenschaften. Verfall des Burgrechts (450), Entartung der Bestimmungen über Bannmeile und Maıktverkehr (451.) „Transformation“ der Zunft. Gesetz der Transformation (452). Desorganisation und Parasitismus (454), Sperrung der Zunft (455). Die Gesellen; Koalitionsverbote, Lohnkämpfe und Ge- werkvereine (457). Der fünfte Stand (458). Pauperismus (459)...

Die kapitalistische Wirtschaft in ihrer Reife: Mehrwert, Kapital und „Gradient“ (460), Verlagssystem und Heimindustrie (462), Schwitzsystem (463); der Lohnsturz, die „Reserve-Arm6&e“ (464). Vagabondage, Kriminalismus und "Prostitution (465). Der „Gradient“ wächst enorm (465). Die Haute Finance (467), Bankspekulation, Jobbertum, Kredit- und Handelskrisen. Die „Mittelstandsbewegung“ 468). Das kapitalistische Arbeitsverhältnis: Schwitz- und Trucksystem. Verlängerung der Arbeitszeit bei sinkerdem Lohn (469), Stücklohn; Grolsindustrie vernichtet das Handwerk (470).

- Zusammenfassung (470).

Überblick über die nächsten Jahrhunderte: Aufhebung der Freizügigkeit (473). Emporkommen des absoluten Staats und des dritten Standes. Die besoldete Büreaukratie (474). Englands industrieller Vorsprung (474). Die . übrigen Staaten (475). Die internationale Konkurrenz. Ausblick (476).

Viertes Kapitel. Therapie der sozialen Krankheit (Die Siedlungsgenossenschaft).

Die Wanderdüne (477). Innere Kolonisation. Die staatliche Rentengüter- bildung (478). Die landwirtschaftliche Arbeiterproduktivgenossenschaft in ihrem Wesensgegensatz gegen die industrielle (479). Ihre Geschichte. Ihre technische Überlegenheit. Grol[s- und Kleindetrieb (480). Der Arbeitermangel des Grofsbetriebes (481). Die Vorzüge der Genossenschaft (482). Die Siedlungs- genossenschaft (483). Kritik und Antikritik (484). Die „Utopie“ als historische Thatsache (489).

Schlusswort. Aphorismen zur Philosophie der Geschichte. ‘Auseinandersetzung mit der materialistischen Geschichtsauffassung (491). „Stoff und Kraft“ der Geschichte (494). Die Konstante (495) und Variable der Massen- seele (497). Das Wertresultat der Geschichte (498). Der Verlauf der Geschichte (500). Die drei Rechtsperioden (501), Zusammenfassnng und Ausblick (503).

Quellen.

Vorbemerkung: In das folgende Quellenverzeichnis sind nur solche Schriften aufgenommen, aus denen in diesem Buche zitiert worden ist. Um die lästige Wiederholung des ganzen Titels, Erscheinungsjahres und -ortes zu ver- meiden, ist bei den Zitaten in der Regel nur der Name des Autors und die Seitenzahl angeführt worden. Wo mehrere Schriften desselben Verfassers benutzt wurden, ist ausserdem stets noch ein kurzes Stichwort. beigefügt worden, das den Titel resümiert: „Art.“ bezeichnet stets einen Artikel im Handwörterbuch der Staatswissenschaften (Konrad, Jena 1890 ff.).

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»ystematischer Teil.

Grundlegung der Physiologie und Pathologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft.

Dr. Franz Oppenheimer, Grossgrundeigentum und soziale Frage. 2. Aufl. 1

Einleitung.

Als ich in meiner ‚‚Siedlungsgenossenschaft‘“ daran ging, durch Untersuchung und Ordnung des vorhandenen, nament- lich des statistischen Materiales auf dem Wege der reinen Induktion die Wurzel der ‚sozialen Frage‘ bloss zu legen, diente mir eine Hypothese als ‚„heuristisches Prinzip‘, die- -jenige des „Organisismus“. |

Die menschliche Gesellschaft ist ein organi- sches Wesen, das ist die Hypothese, von der ich aus- eing; sie ist ein „Wesen, welches lebt, d. h. fortwährend bemüht und in weiten Grenzen auch befähigt ist, sich ver- änderten Lebensbedingungen anzupassen‘“,') oder, um mit Spencer zu reden, ‚durch Veränderung innerer Relationen sich veränderten äusseren Relationen gegenüber in seiner wesentlichen Form und seinem Bestande zu erhalten.“ Ich habe an der angezogenen Stelle einige Thatsachen des Volks- lebens angeführt, die mir auch heute noch so starke Be- weise für jene Hypothese zu sein scheinen, wie in einer nicht mathematischen Wissenschaft nur möglich. |

So sicher mir diese allgemeine Grundlage auch erscheint, . so vorsichtig hat man dagegen in den Folgerungen zu sein. Speziell geht jeder durchgeführte Vergleich mit einem be- sonders ins Auge gefassten anderen Organismus, z. B. dem menschlichen Körper, nach meiner Meinung über die Grenzen des wissenschaftlich Zulässigen hinaus, sobald er mehr sein will, als eben ein Vergleich zur besseren Illustration schwer verständlicher abstrakter Sätze.

Wissenschaftlich zulässig erscheint mir einzig und allein die Verwertung desjenigen konkreten Inhaltes, den der Be- griff „Organismus“ an sich einschliesst, der einfache wie der verwickelte, der individuale wie der kollektive

1) Siedl. Gen. 8.2. 4 e 1*

4 | Einleitung.

Diesen, jedem Organismus gemeinsamen Begriffsinhalt möchte ich folgendermassen zusammenfassen:

Der Organismus ist zusammengesetzt aus verschiedenen Organen, die zu verschiedener Arbeitsleistung differen- ziert und gleichzeitig zu der einen übergeordneten Lebens- funktion integriert sind; die Organe bestehen wieder aus lebenden Elementarteilchen, die einer gewissen Selb- ständigkeit geniessen und sich zu dem Organ verhalten, wie diese zum Organismus. Se

Ist diese weite Charakteristik des Aufbaus giltig für jeden Organismus, so ist es die folgende für seine Leistung (Funktion): Jeder Organismus hat die Fähigkeit, sich inner- halb gewisser Grenzen wechselnden Bedingungen der Um- gebung anzupassen, d.h. eben zu leben. Der normalen Be- anspruchungs- oder Angriffsbreite der Aussennatur ent- spricht die „physiologische Anpassungsbreite‘ der Innennatur. Die Thätigkeit der Anpassung innerhalb dieser Breiten ver- - läuft bei voller Harmonie der Einzelfunktionen; sie ist die „Physiologie“ des Lebewesens.

Jeder Organismus hat also seine Physiologie. Und darin liegt logisch eingeschlossen, dass jeder Organismus auch seine Pathologie haben muss, wenn die Aussennatur ihn mit einer Kraft angreift, welcher die physiologische Breite nicht sofort Herr werden kann. Das Ergebnis ist eine Krank- heit, d. h. eine Disharmonie der Einzelfunktionen, ein Vor- gang, der in Heilung übergeht, wenn die Störung zuletzt überwunden wird, oder in Tod, wenn die Anpassungskraft dazu nicht ausreicht.

Jeder Organismus kann also erkranken und kann auch sterben.

Mehr an konkretem Inhalt enthält, wie mir scheint, der allgemeine Begriff des Organismus nicht. Darum ist es nicht zulässig, mehr als die hier festgestellten Charakteristika auf den Organismus der Tauschwirtschaft zu übertragen. So lange man sich in diesen Grenzen hält, ist die Darstellung objektiv; geht man darüber hinaus, so wird sie bildlich und sofort unzulässig, wenn man vergisst, dass man sich nur bildlich ausdrücken wollte.

Es scheint mir, als wenn alle Einwendungen gegen den Organisismus darauf zurückzuführen sind, dass seine Anhänger

Einleitung. 5

diese sehr feine Grenzlinie nicht immer respektiert haben. Sie haben sehr oft dadurch gesündigt, dass sie sich noch mitten in der objektiven Darstellung zu befinden glaubten, ' während sie thatsächlich schon im Vergleich steckten, nämlich einen bestimmten Organismus zum spezialisierten Vergleiche heranzogen.

Das verkehrteste von allem ist aber, einen individualen Organismus zum Vergleichsobjekt zu wählen. Die mensch- liche Gesellschaft ist ein Kollektivorganismus: will man einen ‘anderen Organismus zu einem etwas speziali- sierteren Vergleich heranziehen, so darf es nur auch ein anderer Kollektivorganismus sein, z. B. ein Wald, ein Korallenstock, ein Ameisen- oder Bienenstaat. Aber der Ver- gleich mit einem Individuum ist schlechthin unzulässig: er stellt zwei in jeder Beziehung (ausser der allgemein- organischen Grundlage) inkommensurable Grössen zusammen, das der Dauer Fähige mit dem Vergänglichen, die „Substanz“ mit dem ‚Modus.‘

Die menschliche Gesellschaft erhält sich durch sich selbst in Raum und Zeit durch Ernährung und Fortpflanzung: das menschliche Individuum ist isoliert nicht lebensfähig; es kann sich weder selbst ernähren denn der isoliert ge- dachte Säugling muss verhungern noch sich fort- pflanzen. Das Elementarteilchen der Gesellschaft, ihre „letzte Einheit,“ ihr ‚Individuum‘ im Sinne der Natur- wissenschaft, ist nicht der Einzelmensch, sondern die Familie, ebenfalls ein Kollektivorganismus kleinsten Umfangs. _

Gesellschaft und Einzelmensch sind also inkommensurabel. Und darum ist namentlich die sehr gebräuchliche Sitte, historische und wirtschaftliche Veränderungen der Gesell- schaft mittels der Phasen des individualen Lebens zu erklären, schlechthin Missbrauch. Dass ein Mensch altern und sterben muss, wissen wir rein empirisch, als eine Regel, die unter Milliarden von Fällen keine Ausnahme litt; dass ein Volk sterben kann, wissen wir ebenfalls: und diese Möglichkeit liegt auch, wie wir sahen, in dem Allgemeinbegriffe des organischen Lebens; dass aber ein Volk sterben muss, ist weder durch unser kleines empirisches Material zu beweisen, noch geht es aus dem Begriffe des Organismus hervor.

Hier waltet ein ungeheurer Unterschied vor. Jeder

6 Einleitung.

Organismus stirbt, wenn die Fähigkeit der Anpassung dauernd kleiner ist, als die Veränderungen der äusseren Welt. Ein altersschwach gewordenes Individuum stirbt daran, dass die innere Anpassungskraft immer kleiner wird :und schliesslich auf Null sinkt; ein junges Individuum stirbt daran, dass die Veränderungen der Aussenwelt stärker werden, als die normale Anpassungsfähigkeit (z. B. ein Sturz, eine Ver- letzung, eine bösartige Infektionskrankheit, ungesunde Lebens- weise.) Das erste ist Alterstod, das zweite Krankheitstod.

Nun kann Niemand zweifeln, dass bei gleich bleibenden Verhältnissen der Aussenwelt ein Volk niemals ‚sterben‘ würde, so wenig wie ein Wald, wenn Klima, Feuchtigkeits- verhältnisse u. s. w. sich nicht änderten. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass ein Volk überhaupt altern kann; aber ganz unzulässig anzunehmen, dass es altern muss; und irgend welche Erscheinungen eines ans Volkslebens daraus zu erklären.

Damit hoffe ich den wissenschaftlich legitimen Organisis- mus genügerd gegen seine Auswüchse abgegrenzt und ver- teidigt zu haben. |

Innerhalb seiner Grenzen durfte er mir aber als „heu- ristisches Prinzip‘‘ dienen. Ich durfte mich berechtigt halten, die Soziologie als Wissenschaft von einem organischen Wesen